Einstiegsfragen
Erstveröffentlichung von xaida   
Stand Montag, 21 November 2016. Erste Version Donnerstag, 08 August 2005
Nach AVENguy. Übersetzung von Carsonspire, Xaida und Maz. Überarbeitung von Maz (2015/2016).

Was ist Asexualität?

Asexualität bezeichnet das Fehlen eines Verlangens nach sexueller Interaktion bzw. einen "Mangel" an sexueller Anziehung, ohne dass ein (primärer bzw. intrinsischer) Leidensdruck durch diesen Umstand besteht. Die erste Definition wird auf Aven Deutschland von ca. 80% der Mitglieder bevorzugt (siehe dazu diesen Thread), die Zweite ist in den USA gebräuchlicher auch wenn beide Definitionen eine starke Überlappung aufweisen.

Asexualität bezeichnet eine Orientierung, d.h. sie ist (vermutlich) angeboren, bleibt im allgemeinen dauerhaft bestehen (keine kurzfristige "Phase"!) und existiert prinzipiell unabhängig vom konkreten Verhalten, d.h.: ein Asexueller, der Sex hat (z.B. aufgrund des Wunsches eines sexuellen Partners), wird dadurch ebensowenig zu einem Sexuellen werden wie ein Homosexueller durch Sex mit einer Person des anderen Geschlechts heterosexuell wird.

Ist Asexualität das gleiche wie Enthaltsamkeit oder ein Zölibat?

Nein. Menschen, die enthaltsam oder zölibatär leben haben sich aufgrund einer bewussten Entscheidung oder einer externen Vorgabe dazu entschieden keine sexuellen Interaktionen und/oder Beziehungen einzugehen obwohl ein Verlangen danach besteht. Asexuelle fühlen sich (von sich aus) hingegen gar nicht veranlasst sexuell zu interagieren oder sexuelle Beziehungen einzugehen, da genau dieses Verlangen eben nicht existiert!

Wie funktionieren asexuelle Beziehungen?

Asexuelle Beziehungen können genau so eng und intim wie sexuelle Beziehungen sein. Sex ist eine Möglichkeit, Gefühle in einer engen Beziehung auszudrücken, aber keineswegs die einzige. Alles, was durch sexuelle Interaktionen ausgedrückt werden kann (Gefühlsäußerung, Spass, physische Nähe, usw.), kann auch nicht-sexuell erreicht werden, obwohl nicht-sexuelle Beziehungen nicht zwangsläufig wie sexuelle "aussehen".

Woher kann man wissen, dass asexuelle Beziehungen genau so eng wie sexuelle sind?

Die Idee, dass sexuelle Beziehungen nicht anders als asexuelle Beziehungen sind, ist schwer zu akzeptieren, denn in der Gesellschaft ist nach wie vor die Vorstelllung verbreitet, dass Sex eine ganz wichtige Sache ist. Tatsache ist aber, dass Sex oft nur als ein mögliches Medium für etwas anderes dient. Er wird benutzt, um Gefühle auszudrücken, sein Ego anzukurbeln, Spaß zu haben, Kinder zu bekommen, usw.
So lange kein Verlangen nach sexuellen Interaktionsformen besteht sind diese für die Qualität einer Beziehung aber völlig unbedeutend. Menschen, die bereits in solchen Beziehungen gelebt haben, können das bestätigen.

Gibt es viele asexuelle Menschen?

Obwohl es viele Menschen gibt, die wenig Verlangen nach sexueller Interaktion oder wenig sexuelle Anziehung empfinden, bezeichnen sich nur relativ wenige selbst als asexuell.
Nur wenige Menschen sind bekennende Asexuelle, weil Asexualität in unserer Gesellschaft bisher keine gültige "Wahlmöglichkeit" darstellt. Je bekannter diese Option jedoch wird, desto mehr Menschen finden sich eher darin wieder als in vorherrschenden Vorstellungen über Sexualität.

Haben asexuelle Menschen einen (ungerichteten) Sexualtrieb bzw. eine Libido?

Manche Asexuelle haben eine Libido, andere haben keine.
Man kann Sexualität z.B. mit einem Radio vergleichen. Jeder Mensch hat einen Lautstärkeregler (Libido) und einen Knopf zur Senderwahl (Ausrichtung der Libido).

Manche hören Musik nur im Hintergrund, manche stehen auf und tanzen und bei einigen ist das Radio sogar voll aufgedreht bis es unausstehlich wird. Diese Personen sind (trotz aller Unterschiede im Verhalten) Sexuelle mit mehr oder weniger starker Libido.

Dann gibt es aber auch Leute, deren Lautstärkeregler so leise gestellt ist, dass sie die Musik kaum hören können, und deshalb darauf nicht achten. Es gibt auch Menschen, bei denen die Lautstärke durchschnittlich oder sogar hoch eingestellt ist, aber deren Radio auf ein Störgeräusch eingestellt ist. Da das Störgeräusch nicht besonders interessant ist, achten sie auch nicht darauf. Obwohl auch hier ein deutlicher Unterschied im Hinblick auf die Libido vorliegt gehören diese Varianten zum asexuellen Empfindungsspektrum.

Wurde das sexuelle Verlangen vielleicht nur "verdrängt"? Könnte Homosexualität ein Grund dafür sein?

Natürlich ist es prinzipiell möglich, dass aufgrund eines traumatischen Erlebnisses jemandem sein Verlangen nicht bewußt wird, oder dass jemand z.B. wegen einer Abneigung gegenüber der eigenen Homosexualität oder sogar gegenüber der eigenen Heterosexualität (oder auch nur aufgrund der gesellschaftlichen Darstellung von bzw. dem gesellschaftlichem Umgang mit dem Thema Sexualität) seine Empfindungen aktiv unterdrückt bzw. damit assoziierte Situationen vermeidet. Beides hat aber mit Asexualtät nichts zu tun und wird im Gegensatz zur Asexualität meist einen erheblichen primären bzw. intrinsischen Leidensdruck zur Folge haben. Dieser Umgang mit Sexualität birgt auch das Risiko einer antisexuellen Einstellung, von der sich Aven ausdrücklich abgrenzt. So lange keine Anzeichen dafür bestehen, dass die sexuelle Empfindungsweise andere Ursachen hat als eine angeborene Asexualität, gibt es daher keinen vernüftigen Grund sich auf solche Ideen zu fixieren.

Ist es möglich, dass jemand einfach ein "Spätzünder" ist oder der passende Partner noch nicht gefunden wurde?

Natürlich ist es auch möglich, dass jemand erst später im Leben das erste mal ein Verlagen nach sexueller Interaktion verspürt oder sich sexuell zu jemandem hingezogen fühlt. Es macht aber wenig Sinn sich mit hypothetischen Zukunftsszenarien zu belasten, so lange diese im tatsächlichen Leben keinerlei Relevanz haben.
Im Gegensatz zu den sogenannten Absolute Beginners empfinden Asexuelle keinen primären bzw. intrinsischen Leidensdruck selbst wenn sie in hohem Alter niemals Sex oder eine sexuelle Beziehung hatten.

Warum gibt es so wenig Informationen über Asexualität?

In unserer Gesellschaft gilt nach wie vor die Vermutung, dass Menschen bis zum Beweis des Gegenteils heterosexuell sind und sowohl sexuelle Anziehung als auch Verlangen nach sexueller Interaktion erfahren. Wenn eine Frau Lesbe ist, wird ihr etwas Grundlegendes auffallen, nämlich, dass sie sich zu Frauen sexuell hingezogen fühlt. Es wird ihr ziemlich schwer fallen zu ignorieren, dass sie die "heterosexuelle Norm" nicht erfüllt.

Der Erkenntnisprozess, dass man sich zu jemandem NICHT hingezogen fühlt bzw. ein Verlangen NICHT hat, ist hingegen viel feiner. Im Gegensatz zu (sexuellen) schwulen, lesbischen und bisexuellen Menschen werden Asexuelle nicht bereits von ihren sexuellen Neigungen dazu veranlasst, sich zu suchen. Das hat es schwieriger gemacht, eine asexuelle Gemeinschaft aufzubauen.

Asexuelle Menschen sind auch weniger unmittelbar von Diskriminierung betroffen als z.B. Homosexuelle und daher weniger motiviert sich selbst als Mitglied einer bestimmten Szene oder Gruppe gegenüber anderen Menschen abzugrenzen. Es ist gerade für hetero-emotionale asexuelle Menschen relativ einfach mit dem Strom zu schwimmen und sich im Hinblick auf die öffentlichen Wahrnehmung auch wie Heterosexuelle zu verhalten.

Allerdings haben Asexuelle aufgrund ihrer abweichenden Empfindungen und Wahrnehmungen oftmals Probleme mit der Sexualität anderer Menschen (vor allem innerhalb von Beziehungen oder beim Beziehungsaufbau) und leiden meist auch aufgrund von aktiver Ausgrenzung (z.B. während der Pubertät) unter dem Druck der Umwelt. Asexuelle erfahren daher oftmals einen extrinsischen bzw. sekundären Leidensdruck obwohl sie unter ihrer Orientierung selbst nicht leiden. Trotzdem unterscheiden sich asexuelle Menschen von außen betrachtet noch nicht unbedingt von Sexuellen.



(zuletzt aktualisiert am 8. November 2016 von Maz)

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